Analyse: 1. Kyrie-Vers
aus der MISSA "ADORAMUS TE", op. 21,
von Johann Sengstschmid

Beim dreistimmigen Satz mit Reminiszenztönen gilt alles, was bei der Behandlung des dreistimmigen Satzes ohne Reminiszenztöne gesagt worden ist, nur kommen einige Details hinzu. Beispielsweise beruhen die Takte 2 (ab dem 4. Viertel) bis 4 auf dem 2. Klangreihenakkord mit den Tönen "d-e-fis-a-h" (gis ist Reminiszenzton zu a, cis ist Reminiszenzton zu d und dis ist Reminiszenzton zu e; davon werden jedoch nur gis und cis als akkordfremde Töne verwendet).

Reminiszenztöne lassen sich als akkordfremde Töne (Vorhalt o.dgl.) heranziehen, jedoch im Regelfall nicht alleinstehend, sondern nur vor oder nach dem dazugehörigen Akkordton sowie samt ihrer direkten oder indirekten Sekundbindung, wobei der Sekundschritt auch in seiner rückläufigen Form auftreten kann, etwa so: cis-d, d-cis, d-cis-d, cis-d-cis u.a.

Die Takte 7 bis 9 beruhen auf dem 4. Klangreihenakkord mit den Tönen "g-a-h-d-e" (fis ist Reminiszenzton zu g, b ist Reminiszenzton zu a, c ist Reminiszenzton zu h, es ist Reminiszenzton zu d und f ist Reminiszenzton zu e, wobei lediglich fis und c als akkordfremde Töne herangezogen werden).

Die Verwendung des Reminiszenztones fis bedarf freilich einer weiteren Erklärung: In Takt 7/8 findet sich in der 2. Stimme mit der Tonfolge fis-a-g eine "indirekte" Sekundbindung, denn zwischen fis und g erscheint der Akkordton a eingeschoben, wobei man aber den Sekundschritt fis-g trotzdem im Ohr behält. Eine andere Erklärung wäre die, daß man das fis der Tonfolge fis-a-g als unechten Reminiszenzton ansieht, da sich zwischen dem Akkordton e und dem eigentlich zu g gehörigen Reminiszenzton fis eine Sekundbindung nachweisen läßt.

In der Regel wird das gleichzeitige Erklingen von Akkordton und seinem Reminiszenzton vermieden. Dennoch treffen in Takt 10 (5. Klangreihenakkord, wobei der Akkordton c den Reminiszenzton h besitzt) beide Töne zusammen. Auch an dieser Stelle liegt ein unechter Reminiszenzton vor, denn beim h ist eine Sekundbindung zum Akkordton a feststellbar.

In den Takten 13 und 14 (8. und 9. Klangreihenakkord) gehört, wenn man die untenstehende Klangreihennotierung (aus einem alten Skriptumblatt aus dem Jahr 1968) heranzieht, zum Akkordton as der Reminiszenzton a, doch nicht dieser wird als akkordfremder Ton herangezogen, sondern der Antizipationston g; das wäre die eine Deutung des Durchgangstones. Andererseits besitzt derselbe Akkordton as in einer ebenfalls möglichen Klangreihennotierung den Reminiszenzton g. Diese zweifache Deutung läßt sich folgendermaßen erklären:

Beim Übergang vom 5. zum 6. Ton der Zwölftonreihe findet sich das Tritonusintervall c-fis. Die dazugehörigen pentatonischen Klangreihenakkorde lauten "c-d-e-g-a" und "fis-gis-ais-cis-dis", und diese lassen sich auf zwei Arten unter Wahrung des Sekundfortschreitungsprinzips aneinanderfügen, woraus bei allen fünf Tönen des 6. Klangreihenakkordes je zwei mögliche Reminiszenztöne resultieren.


              
   aais   agis  
   ggis   gfis    
  efis oder edis   
  ddis  dcis    
  ccis  cais    

             
:   56   56   

             

Auch alle übrigen auftretenden Reminiszenztöne sind im beschriebenen Sinn verwendet.

aus der MISSA "ADORAMUS TE"

Technik mit Parallelen Klangreihen:



x = harmoniefremder bzw. akkordfremder Ton (Reminiszenzton)

Anmerkung: die obige Zwölftonreihe ist eine Allintervallreihe

Hörmöglichkeit des "Kyrie"

siehe auch:

Johann Sengstschmid
Johann Sengstschmid, Werkverzeichnis
Johann Sengstschmid: Noten-Publikationen
Lanolino Musikverlag
Notenzitat
Notenzitate (Verzeichnis)
MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid, Werkeinführung
Werkeinführungen (Überblick)
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Werkeinspielungen im Internet
Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (Parallele Klangreihen)
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