Analyse: Beginn des "Dissonanzenquartetts"
von Wolfgang Amadeus Mozart



Das C-dur-Quartett K. 465 vollendete Mozart am 14. Januar 1785. In ihm sind Spiel- und Ausdrucksmusik persönlichster Prägung gebunden. Der subjektive Charakter tritt am stärksten im Einleitungs-Adagio zutage. Es verursachte den Namen "Dissonanzen-Quartett", durch die in ihm enthaltenen schneidenden Querstände und klanglichen Reibungen. Mozarts Zeitgenossen fehlte jedes Verständnis für sie. Generationen rätselten an diesem Gebilde herum. Man versuchte seine "Fehler" zu korrigieren. Die bizarren Klänge befremden heute nicht mehr, aber sie stehen völlig vereinzelt da im Rahmen der Rokokoproduktion. Vielleicht lassen sie sich als Atavismen von Klangvorstellungen der Renaissance erklären. [Bei Monteverdi (1567-1643) finden sich ähnliche Fortschreitungen im Sekund- bzw. Nonenabstand, Querstände usw.]. So liest es sich in RECLAMS KAMMERMUSIKFÜHRER, erschienen 1955 in Stuttgart.

Und um etwa 1960 spielte sich an einer berühmten musikalischen Ausbildungsstätte folgende wahre Begebenheit ab: Ein Student brachte seinem Theorielehrer, einer namhaften Persönlichkeit, die ersten paar Takte jenes Einleitungs-Adagios in eigener Handschrift mit der Bemerkung, er hätte ein Stückchen Zwölftonmusik zu komponieren versucht. Der Professor erkannte das Vorgelegte nicht als Mozarttakte und begann es mit sichtlichem Widerwillen auf dem Klavier zu spielen, um dann zu bemerken, das sei doch nichts, der Student möge die Finger von dem atonalen Zeug lassen. Als dieser einwarf, die Takte seien ohnedies nur als Einleitung für ein C-Dur-Werk gedacht, kam die professoriale Antwort, auf so etwas könne eine Fortsetzung in C-Dur nicht mehr passen.

Auch Othmar Steinbauer bewegten die Takte Mozarts, und er erkannte eines Tages, daß er hier Klangreihenmusik mit alle ihren Merkmalen vor sich hatte - eine Entdeckung, auf die er in seinem Unterricht immer wieder hinwies:

Jeder Ton der ersten sechs Adagio-Takte ist in einer Klangreihe rückverbunden, welche durch freie Harmonisierung einer Zwölftonreihe entstanden ist. Das Wesentliche einer Klangreihe besteht darin, daß beim Übergang von einem Klangreihenakkord zum darauffolgenden zwischen den einzelnen Akkordtönen nur Prim- und Sekundintervalle aufscheinen.

Der Klangreihenbeginn erfolgt durch freies Eintreten der Klangreihentöne "c", "as" und "es". Steinbauer würde von einer Klangreihen-Stauung sprechen.

Hierauf bleiben das "c" und das "es" in der Klangreihe liegen (Primintervall), das "as" schreitet stufenweise zu "g" weiter (Sekundintervall), und das "a" tritt neu hinzu.

Der nächste Klangreihenakkord (fis-g-a-c-d) wird erreicht, indem "a" und "c" unverändert bleiben, das "es" mittels eines Sekundschrittes in das "d" überleitet und indem das "g" gleichzeitig sowohl liegenbleibt als auch schrittweise in das "fis" weiterführt ("Abzweigung").

Um im darauffolgenden Klangreihenakkord das "h" zu erreichen, kommt es zu einer weiteren "Abzweigung", wodurch die Klangreihe sechsstimmig wird.

Es folgen nun hintereinander zwei "Zusammenflüsse": zuerst schreiten sowohl das "a" als auch das "h" in den Klangreihenton "b", und dann münden das "c" und das "d" stufenweise in das "des".

Der weitere Verlauf der Klangreihe bringt keine neuen Gesichtspunkte mehr, in den sechs Takten bewegen sich alle Klangreihentöne stufenweise weiter oder bleiben liegen.

Es sind also alle Merkmale der Klangreihenmusik gegeben, wie man sie auch in einem Steinbauer-Opus, etwa im Chor "Halt an, wo läufst du hin", in der 1. Violinsonate oder im Tricinium "Die Ros' ist ohn' Warum", antrifft. Sogar die akkordfremden Töne entsprechen den von Steinbauer entwickelten Regeln für Reminiszenz- und Antizipationstöne.

Nebenbei bemerkt sei auch auf andere interessante Stellen hingewiesen: Man nehme sich etwa die Takte 12 bis 14 der Phantasie für Klavier in c-Moll, K.V. 475, von W. A. Mozart vor, und man wird ebenso Klangreihenmusik entdecken wie auch in A. Bruckners Chor "Locus iste" an der Textstelle "irreprehensibilis est".




Analyse: Beginn des Dissonanzenquartetts:


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Klangreihentechnik (freie Harmonisierung):
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+ = harmoniefremder Ton = Antizipationston (siehe unter Reminiszenzton)
x = harmoniefremder Ton = Reminiszenzton

Hörmöglichkeit


siehe auch:

Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)
Allgemeines zur Klangreihe
Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik

in freier Harmonisierung erstellte Klangreihe
Reminiszenztöne
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Hinweis: Um Musik hören zu können, vermag man ein entsprechendes Programm kostenlos aus dem Internet herunterzuladen und zu installieren (zum Beispiel www.winamp.com oder www.real.com).