Das Panchromatische Prinzip

Bei zwei aufeinanderfolgenden Akkorden (in deren Grundstellung oder in einer Umkehrungsform) scheinen zwischen den einzelnen Akkordtönen nur Prim- und Sekundintervalle auf. Das bedeutet nicht, daß diese Intervalle als solche auch im konkreten Satz einer Komposition auftreten müssen [mehr dazu: bei traditionellen Dreiklängen oder bei Klangreihenakkorden].

Anhand der Klangreihen-Kompositionstechnik läßt sich konkret zeigen, wobei Analoges auch für die traditionelle Akkordwelt (Dreiklänge, Septakkorde etc.) gilt: Greift man zwei unmittelbar nebeneinanderstehende Klangreihenakkorde heraus, dann lassen sich für deren Abfolge folgende Richtlinien festhalten ("Panchromatisches Prinzip"):

 
  • Bei der Fortschreitung von Klangreihenakkorden bewegen sich die einzelnen Klangreihentöne nur in Prim- und Sekundintervallen (Elementarregel), wobei diese in der Klangreihe beheimateten Sukzessivintervalle in die Stimmführung des darauf basierenden konkreten musikalischen Satzes nur beschränkt Eingang finden.

    Damit eine vierstimmige (fünfstimmige, dreistimmige) Klangreihe nicht
    vierstimmig (fünfstimmig, dreistimmig) bleibt, kommen noch einige Varianten jener Elementarregel hinzu:

   
  • Abzweigungen: Ein Klangreihenton bleibt liegen (Prim-"Fortschreitung") und führt gleichzeitig einen Sekundschritt aus, wodurch etwa eine dreistimmige Klangreihenpassage vierstimmig wird.

  • Einmündungen: In gegenteiliger Vorgangsweise mündet ein Klangreihenton in einen bereits vorhandenen Klangreihenton ein, wodurch etwa eine vierstimmige Klangreihenpassage dreistimmig wird.

    Es kann jedoch eine Einmündung stattfinden und der Klangreihenton als "Liegeton" trotzdem weiter fortbestehen; solcherweise bleibt eine zum Beispiel vierstimmige Klangreihe weiterhin vierstimmig.


  • Gabelungen: Ein Klangreihenton wird durch zwei Sekundschritte in Gegenbewegung verlassen, was zu einer Erhöhung der "Stimmigkeit" führt.

  • Zusammenflüsse: Andererseits rufen zwei Klangreihentöne, welche durch zwei Sekundschritte in Gegenbewegung in einen anderen Klangreihenton zusammenfließen, eine Reduktion der "Stimmigkeit" vor.

    Wiederum kann ein Zusammenfließen stattfinden und ein Klangreihenton oder gar beide Klangreihentöne als Akkordton trotzdem weiter fortbestehen; solcherweise bleibt im einen Fall eine zum Beispiel vier- oder fünfstimmige Klangreihe weiterhin vier- bzw. fünfstimmig, im anderen Fall wird etwa eine vierstimmige Klangreihe fünfstimmig.

  • Erlöschen durch Nichtverwendung: Indem ein Klangreihenton für die kompositorische Gestaltung nicht mehr herangezogen wird, läßt er sich aus der Klangreihe als akkordfüllender "Liegeton" herausnehmen.

    Gleichzeitiges Auftreten verschiedener Fortschreitungsvarianten:
    Abzweigungen, Gabelungen, Zusammenflüssen etc. sind nebeneinander möglich.

 
  • Zu bereits vorhandenen Klangreihentönen kann ein neuer frei hinzutreten (Klangreihenstauung).

  • Die Vielstimmigkeit in der Klangreihe ist zu begrenzen; als Regelfall gelte die Vier- und Fünfstimmigkeit, was nicht ausschließt, daß die Klangreihe einerseits auch drei- oder zweistimmig und andererseits vorübergehend sechs- oder gar siebenstimmig wird.

    Die Beschaffenheit eines sechs- oder siebenstimmigen Klangreihenakkordes ähnelt einer "aufgestauten" Tonleiter, und daher lassen sich einerseits aus einem solchen Tonmaterial unter Anwendung von satztechnischen Regeln, wie man sie von der tonalen Musik her kennt, traditionell anmutende kompositorische Gestaltungsweisen gewinnen; andererseits vermag man aber auch das Clusterartige hervorzukehren, doch beides sind eher Randerscheinungen der Klangreihentechnik.

  • Das Klangreihengeschehen kann man im darauf basierenden konkreten musikalischen Satz durch die Verwendung akkordfremder Töne (Vorhalt, Durchgang u.a.m.) bereichern, doch bleibe dabei die ursprüngliche Klangreihenstruktur hörbar erhalten.

Hinweise auf entsprechende Beispiele in Klangreihenkompositionen finden sich unter: "Das Komponieren mit Klangreihen".



Weiterführende Informationen siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Zwölftonmusik
Zwölftonspiel - kreatives Spielen - Klangreihenkomposition
Klangreihenmusik
Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)

Panchromatische Überlegungen
Nachweis des Panchromatischen Prinzips bei Klangverbindungen
Zum Themenkreis "reine Stimmung - temperierte Stimmung"
Zwölfton-Notenschriften

Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)

Links
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