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"reine Stimmung - temperierte Stimmung" (1)
 



1968 erschien im Selbstverlag, St. Pölten, das per Wachsmatrize vervielfältigte Skriptum "GRUNDLAGEN DER KLANGREIHENLEHRE" von Johann Sengstschmid. Darin wird zuerst darzustellen versucht, inwiefern die Klangreihenlehre als legitime Erbin von Kontrapunkt und Harmonielehre bezeichnet werden darf. Die folgende Erörterung geht auf zahlreiche Passagen dieses Skriptums (ab Seite 3) zurück, zum Teil überarbeitet, um einige Gesichtspunkte erweitert sowie durch Beispiele ergänzt, welche damals in Form von Diapositiven für Sengstschmids Vortragstätigkeit entworfen worden sind. (In den Beispielen findet sich daher noch die vor 1970 in Österreich übliche Rechtschreibung: z.B.: C-dur statt C-Dur.)
 


Ein ganz bedeutsamer Unterschied zwischen Kontrapunkt und Harmonielehre auf der einen Seite sowie der Klangreihenlehre auf der anderen Seite ergibt sich aus dem zugrundeliegenden musikalischen Material: dieses ist zwölftönig, jenes siebentönig.

Gelegentlich wird hier der Einwand erhoben, daß jede theoretische Basis einer Musik, welche zwölftönig ist und somit der gleichschwebenden temperierten Stimmung bedarf, kein letztlich befriedigendes Ergebnis zu zeitigen vermag; eine einwandfreie Musiktheorie ließe sich doch unmöglich auf dem Fundament eines Kompromisses erstellen - man überhöre nicht den negativen Empfindungswert, der diesem Ausdruck eigen ist! - , noch dazu, wo nach Ansicht mancher Theoretiker jene dort auftretenden Intervalle


mit ihren irrationalen Proportionen nicht auditiv begründet, sondern von einer mathematischen Teilung der Oktave abgeleitet und deshalb musikalisch irrational und unvorstellbar seien. Wenn wir die theoretischen Voraussetzungen der atonalen Musik ernst nehmen, haben in ihr alle Intervalle mit Ausnahme der Oktave dieselbe Unvorstellbarkeit oder Irrationalität, d.h., sie können nicht gehörsmäßig oder musikalisch, sondern nur theoretisch bzw. mathematisch definiert werden. Ist einmal das Prinzip der Vorstellbarkeit von Tonbeziehungen aufgegeben, so besteht theoretisch kein Grund für die Einteilung der Oktave in gerade zwölf Schritte; jede andere Stufenzahl wäre genau so gut. (Zitate aus dem Artikel "Das Raumerlebnis in tonaler und atonaler Musik" von Gerhard Albersheim, enthalten im Band X der Schriftenreihe "Musikalische Zeitfragen" mit dem Titel "Die Natur der Musik als Problem der Wissenschaft", Bärenreiter-Verlag, Kassel und Basel, 1962.)

Dazu wäre zu sagen:
Bekanntlich ist es um die Tonwelt nicht etwa so bestellt, daß man sich zu irgendeinem Zeitpunkt auf ein Intervall-Maß geeinigt hat, wie Analoges etwa im Bereich der Messung von Entfernungen oder auf anderen Gebieten notwendig geworden ist (Wärmemessung, Gewicht, Währung, Zeiteinteilung u.a.m. - dabei ist es keineswegs widersinnig, wenn in verschiedenen Ländern verschiedene Maßeinheiten vorliegen, es erweist sich länderübergreifend höchstens als unpraktisch).

Geht man vom Naturphänomen der Obertonreihe aus,


dann lassen sich aus deren Teiltönen unsere vertrauten Intervalle ablesen.


Die Intervalle im allgemeinen und die konsonanten Intervalle im besonderen sind - wie gesagt - nicht Resultat einer Vereinbarung, sondern man gelangte zu ihnen auf einem grundsätzlich anderen Weg: Der Mensch hat die Konsonanzen ... nicht als sinnlich Gegebenes in seiner Umwelt angetroffen, wie das Sausen des Windes oder das Brüllen der Tiere, aber er hat sie auch nicht aus dem Nichts erschaffen, sondern - ähnlich den geometrischen Figuren in der Ornamentik - entdeckt und bloßgelegt. Er hat sie nicht als Konventionen gesetzt, an deren Stelle er ebensogut andere Konventionen hätte wählen können, sondern als "naturgegeben" herausgefunden und herausgebildet. (Zitat aus dem Artikel "Nochmals: Die Natur der Musik und die Musik der Naturvölker" von Walter Wiora, ebenfalls enthalten im Band X der "Musikalischen Zeitfragen" (siehe oben).



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Weiterführende Informationen in Wort und Ton siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Panchromatische Überlegungen
Zwölftonmusik
Klangreihenmusik
Zur Einführung in die Klangreihenmusik
Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"
Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)

Johann Sengstschmid
Johann Sengstschmid: Schriften und ausgewählte Aufsätze
Verzeichnis der Skriptumblätter

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