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"reine Stimmung - temperierte Stimmung" (2)


Die Experimente von Heinrich Husmann bestätigen, daß die Konsonanz etwas in den Dingen selbst Liegendes ist, daß sie nichts geschichtlich Gewordenes ist, sondern etwas Allgemeingültiges. ... Die konsonanten Intervalle sind ganz besonders ausgezeichnete Intervalle, ganz hervorstechende Lichtpunkte auf dem Wege vom Einklang zur Oktave (aus: Heinrich Husmann, "Vom Wesen der Konsonanz", Müller-Thiergarten-Verlag Heidelberg, 1953; diesem Buch entstammen die hier und nachfolgend wiedergegebenen Zitate).

Der Autor weist darauf hin, daß die Eigenschaften und Eigenheiten unseres Ohres in keiner Weise übersehen werden
dürfen, da sie den physikalischen Schall noch entscheidend beeinflussen können. Das Ohr funktioniert nicht so einfach und ideal, wie man es früher geglaubt hat. ... Zunächst eine Luftschwingung, diese umgewandelt in mechanische Schwingungen der Knöchelchen, diese umgewandelt in die Schwingungen der Flüssigkeit des Innenohres. Die Schwingung durchläuft tatsächlich alle drei Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig), ehe sie überhaupt zum Nerven vordringt. Das hat zur Folge: Ehe die Schallwellen als Musik und Sprache von uns empfunden werden, erfahren sie bei ihrem Durchgang durch den unvollkommenen Ohrapparat eine Verzerrung. Ein einzelner Ton erhält dabei mehr Obertöne. Es ist dem Menschen demnach niemals möglich, einen obertonfreien Ton, also einen Sinuston, als solchen zu hören. Treffen mehrere Schwingungen gleichzeitig auf das Ohr, so vermehren und verstärken sich nicht nur ihre Obertöne, sondern es bilden sich auch Kreuzungspunkte, die Kombinationstöne. Lediglich die konsonanten Intervalle werden nicht in dieser Weise verunstaltet, da die sich bildenden Störungen einesteils mit ihren Obertönen zusammenfallen, andererseits einen harmonischen Aufbau zeigen, der dem eines Einzeltones mit seinen Obertönen ähnlich ist. Einzeltöne und Konsonanzen sind die einzigen regelmäßig zusammengesetzten Klänge, die in unsere Seele dringen; alle anderen sind im Ohr mit häßlichen Reibungen und unharmonischen Zusätzen versehen worden.

Auf Grund dieser Untersuchungen sind wir in der Tat dazu berechtigt, Konsonanzen - das sind bestimmte Intervalle mit einfachen ganzzahligen Verhältnissen (1:2, 2:3, 1:3, 3:4, 1:4, 4:5, 3:5, ... siehe Intervallübersicht) als dem Menschen von Natur aus mitgegeben zu bezeichnen; sie hat er also nicht als Konventionen gesetzt, sondern entdeckt.

Jede Tonanordnung, die hörbar an diesen bevorzugten Intervallen vorbeigeht, wird als unnatürlich empfunden sowie abgelehnt, und mag sie den Verstand noch so sehr zufriedenstellen; es bestehen theoretisch somit sehr wohl handfeste Gründe, weshalb die Oktav oder eine andere Distanz nicht in x-beliebig viele Schritte eingeteilt werden dürfen.



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Weiterführende Informationen in Wort und Ton siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Panchromatische Überlegungen
Zwölftonmusik
Klangreihenmusik
Zur Einführung in die Klangreihenmusik
Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"
Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)

Johann Sengstschmid
Johann Sengstschmid: Schriften und ausgewählte Aufsätze
Verzeichnis der Skriptumblätter

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