Von der automatischen
zur kompositorisch gestalteten Melodiebildung

Wie anläßlich der Satzanalyse der Meditation, op. 43, von Johann Sengstschmid vermerkt wurde, entsprach es den Intentionen des Komponisten, mit seinem Opus einerseits an den monoton-meditativen Stil eines Hauerschen Zwölftonspiels samt der dort beheimateten architektonischen Idee der Terrassenform (mit seiner Bindung an einen bestimmten Ambitus in Melodie und Begleitsatz) anzuknüpfen, zugleich aber kein spielregelhaftes Tönen darzubieten, sondern lebendige Musik zu gestalten, und andererseits ein Lehrbeispiel für den akkordisch begleiteten einstimmigen Satz mit Reminiszenztönen im Bereich der Klangreihentechnik vorzulegen.

Die nachstehende Gegenüberstellung von einer nach den Zwölftonspielregeln Hauers zu Papier gebrachten automatischen Tonfolge und der daraus kompositorisch gestalteten Melodie der Meditation, op. 43, gibt etwas Einblick in die Arbeitsweise eines Klangreihenkomponisten.

A-Teil:


B-Teil:


Unterhalb der beiden Melodielinien ist die zugrundeliegende Klangreihe wiedergegeben, deren Beschaffenheit und Form in der Satzanalyse sowie Formbeschreibung der Meditation erklärt erscheinen.

In diese Klangreihe wurde der automatische "Melodiefaden" nach jenen von Hauer entwickelten Prinzipien eingezeichnet, wie man sie in den Seiten 8 bis 10 der Schrift "Anleitung zur Selbstanfertigung eines modernen Tonstückes" von Johann Sengstschmid sowie in dessen Buch "Kreatives Spielen mit Tönen. Ein Leitfaden für den Musik und Instrumentalunterricht sowie für das Selbststudium" (Gustav Bosse Verlag, Regensburg, 1976) beschrieben findet. Oberhalb der Klangreihe (in der zweiten Notenzeile) ist dieser Melodiefaden in Noten im Dreivierteltakt zu Papier gebracht.

Wenn man den A-Teil mit dem B-Teil vergleicht, wird man entdecken, daß sich der A-Teil sowohl in der Klangreihe des B-Teils als auch in dem daraus entwickelten Melodiefaden ganz genau spiegelt, während diese Spiegelform (Umkehrungsform) in die komponierte und im Dreihalbetakt notierte Melodiefassung (erste Notenzeile) mit einigen Abweichungen übernommen wurde.

Spielt man den automatisch erstellten Melodiefaden samt Akkordbegleitung (Klangreihe) nicht unpersönlich-monoton, sondern in künstlerisch-schöpferischer Grundhaltung durch, indem man sein ganzes Wesen hineinlegt, dann wird sich bald ein Korrekturverlangen einstellen, das sich etwa folgendermaßen auswirken kann:


1. Takt, 1. Drittel:


Die Triole "b-d-f" wird rhythmisch in eine viergliedrige Form umgewandelt, indem die Melodietöne erst nach einer Pause einsetzen.

1. Takt, 2. Drittel:

Die zweigliedrige Tonfolge "e-d" erfährt eine Ausschmückung, indem der Melodieton "e" in seinen Nebenton "f" (= Reminiszenzton zu "e") ausweicht.

1. Takt, 3. Drittel:

Von der zweigliedrigen Tonfolge "cis-b" wird nur der erste Melodieton gebracht, und zwar repetierend. Der obligate Sekundschritt "b-h" kann in der Melodie entfallen, da er in der akkordischen Begleitung ohnedies aufscheint.

2. Takt, 1. Drittel:

Die viergliedrige Tonfolge "h-cis-e-g" wird ausgedünnt, indem die Melodietöne analog zum 1. Takt nach einer Pause einsetzen und das "cis" weggelassen wird.

...

...

3. Takt, 2. Drittel:

Bei der viergliedrigen Tonfolge "his-dis-fis-gis" werden die ersten beiden Töne durch eine Pause ersetzt.

3. Takt, 3. Drittel:

Die Melodie begnügt sich nicht mit dem "a", sondern bezieht die anderen Akkordtöne absteigend mit ein ("a-fis-dis-his"); der obligate Sekundschritt "a-g" bleibt weg.

ab 4. Takt:

Im weiteren Verlauf wird der Melodiefaden unter Beibehaltung des Melodieumfanges (Ambitus) sowie der ungefähren Richtungstendenz immer reicher variiert: es werden Töne weggelassen oder hinzugefügt - einerseits Töne, die im jeweiligen Klangreihenakkord rückverbunden sind, und anderseits akkordfremde Töne, deren Herkunft sich nach dem Reminiszenztonprinzip erklären läßt.



Melodiebildung:

Satztechnik (Details):



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x = Reminiszenzton, xx = Reminiszenzton des Reminiszenztones

Hörmöglichkeit der transponierten Fassung für Altsaxophon und Orgel


Weiterführende Informationen siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Zwölftonmusik
Zwölftonspiel - kreatives Spielen - Klangreihenkomposition

Klangreihenmusik
Zur Einführung in die Klangreihenmusik

Josef Matthias Hauer
Zwölftonspiel
Kreative Musikerziehung nach Josef Matthias Hauer

Hauer-Pädagogik in der Schule

Anleitung zur Selbstanfertigung eines modernen Tonstückes:
Rekonstruktion des Zwölftonspiels (11.6.1955) von J. M. Hauer

Terrassenform: Anleitung zur Selbstanfertigung..., Seite 6 bis 8

Hauersche Terrassenform (Beschreibung)


Othmar Steinbauer
Othmar Steinbauer: Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel

Johann Sengstschmid
Johann Sengstschmid: Schriften und ausgewählte Aufsätze
Notenverzeichnis (mit Hinweis auf die Meditations-Erscheinungen)
Verzeichnis der Notenzitate
Hörbares im Internet

Tonträger

Meditation für Orgel, op. 43a, Werkeinführung und Notenzitat
Meditation für Klavier, op. 43b, Werkeinführung und Notenzitat
Meditation für Klarinette und Orgel, op. 43c, Werkeinführung
Meditation für Altsaxophon und Orgel, op. 43c, Werkeinführung und Notenzitat
Meditation für Klarinette und Klavier, op. 43d, Werkeinführung
Meditation für Altsaxophon und Klavier, op. 43d, Werkeinführung und Notenzitat
Meditation für Klavier zu vier Händen, op. 43d, Werkeinführung

Formbeschreibung der "Meditation", op. 43, von Johann Sengstschmid
Satzanalyse der "Meditation", op. 43, von Johann Sengstschmid

Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)

zusammengesetzte dreiteilige Form


Allgemeines zur Klangreihe
Das Komponieren mit Klangreihen
Ambitus und Ambituswechsel
Dreitongruppe und Dreitongruppenkombination
Die schematisch nach Dreitongruppen erstellte Klangreihe
(Beschreibung der Klangreihenentstehung anhand der ersten 4 Takte dieser Meditation)
Automatische Klangreihen- und Melodiebildung im Überblick

Individuelle Steuerung der Klangreihenbildung
Kreatives Gestalten einer melodischen Linie
Von der automatischen zur kompositorisch gestalteten Melodiebildung

Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Reminiszenztöne

Information: Neue Wege kreativer Musikerziehung
Information: Neue Wege besinnlicher und geistlicher Musik


Instruktionsmöglichkeit aus erster Hand

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