Nach der Technik mit Parallelen Klangreihen

Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen


Zunächst übernahm Othmar Steinbauer von Hauer dessen Satztechnik mit Klangreihen, doch beim Komponieren gingen ihm die dort nicht vorhandenen akkordfremden Töne wie Vorhalts-, Durchgangstöne etc. ab, wie er sie aus der traditionellen Musik gewohnt war. Dieser liegen zwar Akkorde wie Dreiklänge, Septakkorde etc. zugrunde, doch werden diese häufig durch Töne bereichert, die nicht im jeweiligen Akkord rückverbunden sind, wie etwa eine Beispielsammlung zeigt.

Steinbauer schwebte etwas Ähnliches vor, und so suchte er nach einem Prinzip, wie sich solche aus der Klangreihenstruktur ableiten lassen. Sein Lösungsvorschlag waren die sogenannten "Reminiszenztöne", ein
Prinzip, welches auch Sengstschmid für die Technik mit Parallelen Klangreihen übernahm.

Beim dreistimmigen Satz mit Reminiszenztönen gilt zunächst alles, was bei der Behandlung des dreistimmigen Satzes ohne Reminiszenztöne gesagt worden ist, nur kommen einige Details hinzu.

Greift man aus der nachstehenden Parallelen Klangreihe (1. Kyrie-Vers aus der
MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid)





Zwölftonreihe:


h


d


es


g


c


fis


e


des


as


b


a


f
 
                           
Klangreihe: gis a b a a ais h b b b a a  
  fis fis g g g gis gis as as g fis g  
  dis e f e e fis fis f f f e f  
  cis d es d d dis e es es d cis d  
  h h c h c cis cis des c c h c  

                         
Klangreihenakkord Nr.: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

                         
 

etwa den 4. Klangreihenakkord heraus, welcher aus den Akkordtönen h, d, e, g und a besteht, dann läßt sich feststellen:
 

Der Akkordton a wurde soeben beim Übergang vom 3. zum 4. Klangreihenakkord aus dem b stufenweise erreicht. Somit ist b der Reminiszenzton zu a. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton h besteht, könnte b auch als "unechter Reminiszenzton" zu h herangezogen werden.
 
Der Akkordton g wurde beim Übergang vom 2. zum 3. Klangreihenakkord aus dem fis stufenweise erreicht. Somit ist fis der Reminiszenzton zu g. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton e besteht, könnte fis auch als "unechter Reminiszenzton" zu e herangezogen werden.
 
Der Akkordton e wurde ebenfalls soeben beim Übergang vom 3. zum 4. Klangreihenakkord aus dem f stufenweise erreicht. Somit ist f der Reminiszenzton zu e. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton g besteht, könnte f auch als "unechter Reminiszenzton" zu g herangezogen werden.
 
Der Akkordton d wurde ebenfalls soeben beim Übergang vom 3. zum 4. Klangreihenakkord aus dem es stufenweise erreicht. Somit ist es der "echte Reminiszenzton" zu d. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton e besteht, könnte es auch als "unechter Reminiszenzton" zu e herangezogen werden.



Der Akkordton h wurde soeben beim Übergang vom 3. zum 4. Klangreihenakkord aus dem c stufenweise erreicht. Daran "erinnert" man sich, folglich ist c der "echte Reminiszenzton" zu h. Da aber zufällig eine Sekundbindung zum Akkordton d besteht, könnte c auch als "unechter Reminiszenzton" zu d herangezogen werden.



Ein Reminiszenzton läßt sich als akkordfremder Ton (Vorhalt o.dgl.) verwenden, jedoch im Regelfall nicht alleinstehend, sondern nur vor oder nach dem dazugehörigen Akkordton sowie samt seiner direkten oder indirekten Sekundbindung, wobei der Sekundschritt auch in seiner rückläufigen Form auftreten kann, etwa so: fis-g, g-fis, g-fis-g, fis-g-fis, (eventuell auch fis-a-g, also mit "indirekter" Sekundbindung, da zwischen fis-g der Ton a eingeschoben erscheint, wobei man aber den Sekundschritt fis-g im Ohr behält). Weiters vermag man das fis der Tonfolge fis-a-g auch als unechter Reminiszenzton anzusehen, da sich zwischen dem Akkordton e und dem eigentlich zu g gehörigen Reminiszenzton fis eine Sekundbindung nachweisen läßt. Nicht korrekt wäre aber h-f-a, denn h und a sind zwar Akkordtöne des 4. Klangreihenakkords, aber f ist nicht deren Reminiszenzton, würde also ohne Sekundbindung an das e zum Fremdkörper.

In der Regel wird das gleichzeitige Erklingen von Akkordton und seinem Reminiszenzton vermieden. Dennoch treffen im 1. Kyrie-Vers aus der
MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid in Takt 10 (5. Klangreihenakkord, wobei der Akkordton c den Reminiszenzton h besitzt) beide Töne zusammen. Auch an dieser Stelle liegt ein unechter Reminiszenzton vor, denn beim h ist eine Sekundbindung zum Akkordton a feststellbar.

Analog zum Reminiszenztonprinzip gibt es auch den äußerst sparsam einzusetzenden Reminiszenzton des Reminiszenztones sowie den Antizipationston
(Antizipation = Vorausnahme jenes Klangreihentones, in welchen der Akkordton münden wird; beim obigen 4. Klangreihenakkord wäre demnach fis der Antizipationston zu e, gis der Antizipationston zu g etc.).

Wenn eine Zwölftonreihe ein Tritonusintervall enthält, wie etwa die Folge c-fis (siehe oben beim Übergang vom 5. zum 6. Ton), dann lassen sich die dazugehörigen pentatonischen Klangreihenakkorde "c-d-e-g-a" und "fis-gis-ais-cis-dis" auf zwei Arten unter Wahrung des Sekundfortschreitungsprinzips aneinanderfügen:


                           
      a ais       a gis    
      g gis       g fis        
    e fis   oder   e dis      
    d dis     d cis        
    c cis     c ais        

                         
:     5 6       5 6      

                         

Daraus resultieren bei allen fünf Tönen des 6. Klangreihenakkordes je zwei mögliche Reminiszenztöne: beispielsweise kommt dem Akkordton gis im einen Fall der Reminiszenzton g und im anderen Fall der Reminiszenzton a zu.

Eine ähnliche Situation ergäbe sich ferner dort, wo in der Zwölftonreihe eine kleine Sekund aufscheint, zum Beispiel:


                           
      a b       a g    
      fis g       fis f        
    e f   oder   e es      
    d es     d c        
    h c     h b        

                         
:     2 3       2 3      

                         

Wie Reminiszentöne im praktischen Satz nach der Technik mit Parallelen Klangreihen verwendet werden, läßt sich etwa an den Analysebeispielen zu Sengstschmids MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, oder zu dessen "Ave regina caelorum", op. 19a, nachvollziehen.

Allerdings seien die drei Anfangstakte des "Ave regina caelorum" mit Blick auf die Reminiszenztöne näher untersucht. Hier scheint als akkordfremder Ton dreimal der Ton "dis=es" (als Reminiszenzton zu e) auf, doch die Bezeichnung "Reminiszenzton" erweist sich als unzureichend: man kann sich an ein vorher noch nicht existentes "dis" eigentlich nicht "erinnern".

Auch wenn die Komposition formal auf einer "nicht geschlossenen kleinen Abwandlung" beruht, beeinhaltet das Abwandlungprinzip - ein Permutationsprinzip - doch, daß es in den Anfang mündet. Auf den letzten (= 72.) Klangreihenakkord (er heißt "as-b-c-es-f") würde der 1. Klangreihenakkord ("e-fis-gis-h-cis") folgen, und das bedeutet, daß sich die Reminiszenztöne des 1. Klangreihenakkordes von jenem herleiten:


          Ende   Anfang            
                           
        ... c   cis ...      
        ... b   h ...          
      ... as   gis ...        
    ... f   fis ...          
      ... es   e ...          

                         
:       ... 72   1 ...        

                         



siehe auch:

Johann Sengstschmid
Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)
Permutation
kleine Abwandlung
Allgemeines zur Klangreihe
Das Komponieren mit Klangreihen
Beispiele zur Vielfalt des kompositorischen Einfalls
Reminiszenztöne
Parallele Klangreihe
MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid, Werkeinführung
Analyse: aus der MISSA "ADORAMUS TE", op. 21, von Johann Sengstschmid
"Ave regina caelorum", op. 19a, von Johann Sengstschmid, Werkeinführung
Analyse des "Ave regina caelorum", op. 19, von Johann Sengstschmid

Werkeinspielungen im Internet
Wiedergabe der Noten

Links

Überblick über Klangreihen-Satztechniken:

Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik
Der aufgelockerte Klaviersatz ohne Reminiszentöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der unbegleitete einstimmige Satz ohne Reminiszentöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der zweistimmige Satz ohne Reminiszenztöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der zweistimmige Satz mit Reminiszenztönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen (in freier Harmonisierung erstellte Klangreihen)

Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (in freier Harmonisierung erstellte Klangreihen)
Der dreistimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (Parallele Klangreihen)
Der vierstimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)
Der vielstimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)

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