Nach Dreitongruppen erstellte Klangreihe

Der zweistimmige Satz mit Reminiszenztönen (2)


In den acht Anfangstakten des 12. Satzes der Rosette zu zwei Stimmen, op. 2, von Johann Sengstschmid findet man an drei Stellen eine komprimierte Klangreihe: beim Übergang vom 3. zum 5., vom 7. zum 9. sowie vom 9. zum 11. Klangreihenakkord. In allen drei Fällen tritt in beiden Stimmen über den dazugehörigen obligaten Sekundschritt ein neuer Ton der Zwölftonreihe ein.

Vergleicht man die Töne des musikalischen Satzes mit der Klangreihe, begegnet man wiederum dem Umstand, daß nicht alle vier Akkordtöne eines Klangreihenakkordes verwendet werden müssen (siehe das Skriptumblatt "Der unbegleitete einstimmige Satz ohne Reminiszenztöne" oder das Analyseblatt der Anfangstakte des 4. Satzes der Rosette zu zwei Stimmen, op. 17, von Johann Sengstschmid).

Über die Art der Dissonanzbehandlung durch Seitenbewegung wurde grundsätzlich bereits anderweitig gesprochen. Dies gilt auch, wenn es zu einem hart-dissonanten Intervallzusammenklang zwischen einem Akkordton und einem harmoniefremden Ton (Reminszenzton) kommt (Takt 1, 2 und Takt 6).

Für die harmoniefremden (akkordfremden) Töne werden ausschließlich Reminiszenztöne herangezogen, das sind jene Töne des obligaten Sekundschrittes, welche in den Reihenton hineingeführt haben:
 
Takt 4, Reminiszenzton fis: Der Akkordton g wurde beim Übergang vom 3. zum 4. Klangreihenakkord (Takt 2) aus dem fis stufenweise erreicht. Somit ist fis der Reminiszenzton zu g, solange das g als Akkordton wirkt (Klangreihenakkorde 4 bis 7).

Takt 4, Reminiszenzton a: Der Akkordton b (= ais) wurde beim Übergang vom 3. zum 5. Klangreihenakkord (Takt 2) aus dem a stufenweise erreicht. Somit ist a der Reminiszenzton zu b.

Takt 4, Reminiszenzton c: Der Akkordton cis wurde beim Übergang vom 2. zum 3. Klangreihenakkord (Takt 1) aus dem c stufenweise erreicht. Somit ist c der Reminiszenzton zu cis.

Takt 5, Reminiszenzton cis: Der Akkordton d wurde beim Übergang vom 6. zum 7. Klangreihenakkord (Takt 4/5) aus dem cis stufenweise erreicht. Somit ist cis der Reminiszenzton zu d.

Takt 6, Reminiszenzton a: Der Akkordton ais wurde beim Übergang vom 3. zum 5. Klangreihenakkord (Takt 2) aus dem a stufenweise erreicht. Somit ist a der Reminiszenzton zu ais.

Takt 7, Reminiszenzton cis: Der Akkordton d wurde beim Übergang vom 6. zum 7. Klangreihenakkord (Takt 4/5) aus dem cis stufenweise erreicht. Somit ist cis der Reminiszenzton zu d.

Takt 8, Reminiszenzton ais: Der Akkordton h wurde beim Übergang vom 9. zum 11. Klangreihenakkord (Takt 6/7) aus dem ais (=b) stufenweise erreicht. Somit ist ais der Reminiszenzton zu h.

Die Reminiszenztöne in den beiden ersten Takten richten sich nach dem Klangreihenende am Schluß des vorangegangenen 11. Satzes der Rosette.

Aus jener Rosettenform, welche der Rosette zu zwei Stimmen, op. 2, zugrunde liegt und welche sich aus zwei Rotationen einer Zwölftonreihe (große Abwandlung als Außenrotation, kleine Abwandlung als Binnenrotationen, siehe Schaubild) ergibt, läßt sich ablesen, daß das Ende des 11. Satzes auf der Zwölftonreihe


Reihe 77=71:


eis


c


a


cis


g


b


e


d


gis


dis


fis


h
 
  11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10  


und der Anfang des 12. Satzes auf der Zwölftonreihe


Reihe 78:


c


a


cis


g


ais


e


d


gis


es


fis


h


eis
 
  12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11  


beruht.

Da die Klangreihen "fortlaufend" gebildet sind, orientieren sich beim 12. Satz die Akkordtöne des ersten Klangreihenakkordes nach jenen des letzten Klangreihenakkordes der vorangegangenen Klangreihe (Ende des 11. Satzes).




Reihe 77:


...



gis


dis


fis


h
 



Klangreihe:

...


d

d

d

d
 
    ... ais ais ais h  
    ... gis gis fis fis  
    ... e dis dis dis  


Das wirkt sich auch auf die Reminszenztöne aus:
 
Takt 1, Reminiszenzton d: Der Akkordton c wäre beim Übergang vom letzten Klangreihenakkord des 11. Satzes zum 1. Klangreihenakkord des 12. Satzes aus dem d stufenweise erreicht worden. Somit ist d der Reminiszenzton zu c.

Takt 1 und Takt 2, beide Male der Reminiszenzton gis: Der Akkordton fis wurde im 11. Satz beim Übergang vom drittletzten zum vorletzten Klangreihenakkord aus dem gis stufenweise erreicht. Somit ist gis der Reminiszenzton zu fis.




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x = Reminiszenzton (harmoniefremder bzw. akkordfremder Ton)

Weiterführende Informationen siehe:

Johann Sengstschmid
Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)
Allgemeines zur Klangreihe
Komprimierte Klangreihe
Reminiszenztöne
Dissonanzbehandlung in der Klangreihenmusik
große Abwandlung
kleine Abwandlung
Rosettenform

Überblick über Klangreihen-Satztechniken:

Allgemeines zur Klangreihen-Kompositionstechnik
Der aufgelockerte Klaviersatz ohne Reminiszentöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der unbegleitete einstimmige Satz ohne Reminiszentöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der zweistimmige Satz ohne Reminiszenztöne (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der zweistimmige Satz mit Reminiszenztönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (nach Dreitongruppen erstellte Klangreihen)
Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen (in freier Harmonisierung erstellte Klangreihen)
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (in freier Harmonisierung erstellte Klangreihen)
Der dreistimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)
Der dreistimmige Satz mit Reminiszenztönen (Parallele Klangreihen)
Der vierstimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)
Der vielstimmige Satz ohne Reminiszenztöne (Parallele Klangreihen)

Publikationen (Noten)
Einführende Worte zu Sengstschmids Kompositionen

Links

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