Sonate für Violine und Klavier Nr. 1, Werk 15,
von Othmar Steinbauer

Form und Struktur (4)


Wie bei einer Klangreihenkomposition üblich, sind sämtliche Töne des musikalischen Satzes in der zugrundeliegenden Klangreihe rückverbunden. Hinzu treten zahlreiche akkordfremde Töne; hierfür werden echte und unechte Reminiszenztöne, ferner Reminiszenztöne der Reminiszenztöne sowie Antizipationstöne herangezogen (siehe hierzu die satztechnischen Erörterungen im Skriptumblatt "Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszenztönen").

Der Kern des eigentlichen Klangreihenprinzips besteht bekanntlich darin, daß
sich in einer Klangreihe bei allen Übergängen von einem Klangreihenakkord zum darauffolgenden die einzelnen Klangreihen-Akkordtöne nur in Prim- und Sekundintervallen bewegen:

 
  • Takt 1, 1. und 2. Viertel:

    Die erste Takthälfte
    gestaltet Steinbauer aus dem 1. Klangreihenakkord h-cis-d-fis, der dadurch zustande kam, daß zum Reihenton "d" die drei Töne "h", "cis" und "fis" frei hinzugefügt wurden.

    Der obligate Sekundschritt fis-g leitet zum 2. Klangreihenakkord h-cis-d-g über; dieser Sekundschritt findet Eingang in den konkreten musikalischen Satz (im Part der Violinstimme sowie in der rechten Hand des Klavierparts). Durch die Parallelführung des obligaten Sekundschrittes in der Violinstimme und der Klavierbegleitung kommt es zwar zum Auftreten von "offenen" Oktavenparallelen, doch werden sie nicht als störend empfunden.

    Überhaupt darf man sagen: Wie beim akkordischen Begleitsatz der traditionellen Musik läuft manchmal stellenweise eine der Stimmen mit der Melodiestimme in Oktavenparallelen mit, wie etwa hier (fis-g im Violinpart und in der Oberstimme der rechten Klavierhand) oder später im 3. Takt (a-c).

    In Hinblick auf den weiteren Fortgang ist ferner der Sekundschritt cis-d (Klavier, rechte Hand) als Einmündung zu werten, auch wenn der Akkordton "cis" gleichzeitig als "Liegeton" im 2. Klangreihenakkord erhalten bleibt.

  • Takt 1, 3. Viertel bis Takt 2, 2. Viertel:

    Der Übergang zum 3. Klangreihenakkord h-cis-d-e-g erfolgt beim Wechsel vom 2. zum 3. Taktviertel des 1. Taktes in Art einer Abzweigung über den obligaten Sekundschritt d-e (Klavier, rechte Hand), wodurch die Klangreihe vorübergehend fünfstimmig wird.

    Der Klangreihenton "cis" mündet im letzten Achtel des 1. Taktes in das "h"; diese Einmündung wird im Klavierpart der rechten Hand sichtbar. Der solcherart wieder vierstimmig gewordene 3. Klangreihenakkord lautet ab diesem Zeitpunkt h-d-e-g, und das "cis" ist ab nun als Reminiszenzton zu "h" anzusehen.

    Was die hier auftretenden Reminiszenztöne betrifft, wäre anzumerken, daß das "fis" eine schulmäßige Sekundbindung zum dazugehörigen Akkordton "g" aufweist, ebenso das "cis" zum Akkordton "h".

  • Takt 2, 3. und 4. Viertel:

    Der obligate Sekundschritt h-c führt in den 4. Klangreihenakkord c-e-g. Indem gleichzeitig der Klangreihenton "d" in das "e" einmündet (Violinpart), wird die Klangreihe dadurch dreistimmig.

    Im konkreten musikalischen Satz verzichtet Steinbauer beim ersten Aufscheinen des "c" (Klavierpart, linke Hand) auf die übliche Sekundbindung, wie sie der obligate Sekundschritt h-c erfordert hätte, sodaß man im ersten Moment hätte annehmen können, das "c" tritt wie bei einer Klangreihenstauung frei ein. Dagegen spricht allerdings die Fortsetzung (bis Ende des 3. Taktes), wo Steinbauer im Reminiszenztonbereich von jener Sekundbindung Gebrauch macht. Der in der Klangreihe zwar aufscheinende, in der kompositorischen Gestaltung jedoch nicht verwendete obligate Sekundschritt h-c ist also ein stummer obligater Sekundschritt.

    Da mit dem Eintreten des "c" der nachklingende Ton "h" (Klavier, rechte Hand) zum Reminiszenzton wird, kommt es zum gleichzeitigen Zusammentreffen dieses Reminiszenztones mit seinem dazugehörigen Akkordton - eine Situation, die im freien Satz noch öfters zu beobachten ist und die dieses Mal sinngemäß beim Übergang zum 3. Takt durch den Sekundschritt h-c (rechte Hand) kompensiert wird.

  • Takt 3:

    Vom 4. bis zum 6. Klangreihenakkord bleibt die Klangreihe dreistimmig, die Hauptregel des Klangreihenprinzips (Klangreihentöne führen nur Prim- und Sekundintervalle aus) ist in ihrer einfachsten Form umgesetzt:

    Der 5. Klangreihenakkord c-e-a wird stufenweise über den obligaten Sekundschritt g-a erreicht, ebenso der 6. Klangreihenakkord c-f-a über den obligaten Sekundschritt e-f; diese Sekundschritte finden in den konkreten Satz Eingang (beide Male im Klavierpart, rechte Hand).

    Einen besonderen Erklärungsbedarf besitzt im 4. Achtel des 3. Taktes der Reminiszenzton zu "a", nämlich das "g" (Klavier, linke Hand): einerseits erkennt man einen modifizierten Sekundkontakt zum Hauptton (Septim als Komplementärintervall der Sekund), andererseits empfindet man hier klanglich einen Sekundschritt, da der Reminiszenzton "g" aus dem "a" der rechten Klavierhand herausfließt.

  • Takt 4, 1. Achtel:

    Der 7. Klangreihenakkord c-des-f-a entsteht durch Abzweigung (obligater Sekundschritt c-des unter Beibehaltung des Akkordtones "c" als Liegeton).

  • Takt 4, ab dem 2. Achtel:

    Nach der Stimmführung im Violinpart sowie in der rechten Klavierhand sieht es auf den ersten Blick so aus, als würde der obligate Sekundschritt c-b in den 8. Klangreihenakkord b-des-f-b führen, woraus folgt, daß dem Akkordton "b" der Reminiszenzton "c" zuzuordnen ist. So verhält es sich auch, doch bringen im 4. Taktachtel sowohl die Violinstimme als auch der Klavierpart (rechte Hand) den Reminiszenzton "a" mit Sekundkontakt zu "b", und das läßt sich nur erklären, wenn der 8. Klangreihenakkord b-des-f-b gleichzeitig auch durch den obligaten Sekundschritt a-b erreicht worden ist. Hier liegt somit ein "Zusammenfließen" in einen Klangreihenton durch zwei (obligate) Sekundschritte in Gegenbewegung vor, und daraus folgt, daß der Klangreihenton "b" zwei Reminiszenztöne besitzt.

    Da sich eine Klangreihe bei gleichbleibendem Sinn auch in einer anderen Stellung ("Umkehrung") notieren ließe, würde sich die beschriebene Zusammenfluß-Situation optisch anders präsentieren, wenn etwa die unterste Klangreihenstimme eine Oktav höher (oder die oberste Klangreihenstimme eine Oktav tiefer) aufgeschrieben wäre; in der unten aufscheinenden Notationsform kann man sich so behelfen, daß ab dem 9. Klangreihenakkord entweder das höhere oder, wie in diesem Fall, das tiefere "b" weggelassen wird.

    Wiederum findet man zwischen Violinsatz und Begleitsatz unbedenkliche Oktavenparallelen (bzw. Zweioktavenparallelen), dieses Mal zwischen der Violinstimme und einer Mittelstimme: b-a beim Übergang zum 3. Taktviertel sowie des-es beim Übergang zum 5. Takt.

    Auch gegen die "offenen" Quintenparallelen zwischen rechter und linker Klavierhand (Übergang zum 3. Taktviertel) ist, wie häufig im Bereich der Klangreihenmusik, nichts einzuwenden.

    Vom 8. bis zum 10. Klangreihenakkord bleibt die Klangreihe dreistimmig und bringt keine neuen Gesichtspunkte.

  • Takt 5, 2. bis 4. Viertel:

    Der obligate Sekundschritt ges-as leitet in den 11. Klangreihenakkord über. Wie jedoch der alleinstehende Ton "ges" am Ende des 3. Taktviertels (Sechzehntelnote) in der rechten Klavierhand zeigt, hat bis zu dieser Stelle dieser Ton als Klangreihenton fortgewirkt, sodaß der 11. Klangreihenakkord nicht es-as-b, sondern es-ges-as-b heißt; es liegt also eine Abzweigung vor, welche die Klangreihe vierstimmig macht.

    Sowohl in der Violinstimme als auch im Klavierpart wird der nächste, zum 12. Klangreihenakkord es-ges-as-ces führende obligate Sekundschritt b-ces in den musikalischen Satz übernommen. Dabei wirkt der dem Sechzehntel-Violinton "b" vorauseilende Antizipationston "ces" als Vorwegnahme des Zieltones.

  • Takt 6, 1. bis 4. Viertel:

    Beim Übergang zum 6. Takt begegnet man einer komprimierten Klangreihenbildung. Sie entsteht, indem auf den vierstimmigen 12. Klangreihenakkord es-ges-as-ces nicht der 13., sondern durch zweifaches Zusammenfließen gleich der dreistimmige 14. Klangreihenakkord e-g-h folgt.

    Der 13. Reihenton "g", ein Bestandteil des 14. Klangreihenakkordes, tritt zwar im 1. Taktviertel ohne Sekundbindung in der linken Klavierhand ein. Blickt man jedoch im 2. und 3. Taktviertel auf die Reminiszenztöne in der rechten Klavierhand sowie in der Violinstimme, dann zeigt sich, daß er über den stummen obligaten Sekundschritt ges-g (fis-g) erreicht worden ist. Für das "as" des 12. Klangreihenakkordes findet sich in der kompositorischen Gestaltung keine sekundmäßige Fortsetzung, es wäre daher nochmals ein stummer obligater Sekundschritt as-g anzunehmen. Es sind also die zwei obligaten Sekundschritte ges-g sowie as-g, welche durch "Zusammenfließen" in den Klangreihenakkordton "g" münden.

    Auf ähnliche Weise führen die zwei obligaten Sekundschritte es-e (= dis-e) sowie ges-e (= fis-e) durch Zusammenfließen in den 14. Reihenton "e". Der Tonschritt ges-e tritt in der Violinstimme sowie in der rechten Klavierhand zutage, und das "dis" präsentiert sich im 2. Achtel des 1. Viertels (Violine) als Reminiszenzton zu "e".

    An den Fortschreitungsprozessen zum 15. und 16. Klangreihenakkord ist einschließlich einer Abzweigung nichts zu entdecken, was nicht schon behandelt worden ist.

  • Takt 6, 5. Viertel:

    Der stumme obligate Sekundschritt g-f leitet in den 17. Klangreihenakkord e-f-a-c über. Das "f" (in der Violinstimme) weist vorerst keine Sekundbindung auf, sie wird beim Taktübergang in der rechten Klavierhand per Reminiszenzton "nachgeliefert"




Steinbauer, 1. Violinsonate, Form und Struktur:
Satztechnik (Details):



------------------
------------------





x
x!
xx
+
R
=
=
=
=
=
Reminiszenzton
"übertragener" Reminiszenzton

Reminiszenzton des Reminiszenztones

Antizipationston (siehe unter Reminiszenzton)

Zwölftonreihe


Folge der Skriptumblätter zu Steinbauers 1. Violinsonate:

Reihenfundus aller vier Sätze,

Reihengrundlage des 1. Satzes,
Klangreihe des 1. Satzes, Analyse des 1. Satzes,
Reihengrundlage des 2. Satzes, Kanonphasen im 2. Satz,

Reihengrundlage des 3. Satzes, Analyse des Variationsthemas (3. Satz),
4. Satz: die ersten Kanonphasen zu Satzbeginn, Form und Reihentranspositionsplan, thematisches Material.

Hörmöglichkeit des 1. Satzes



Weiterführende Informationen siehe:

Gegenüberstellung der 3 Wiener Zwölftonschulen
Zwölftonmusik
Zwölfton-Notenschriften

Erklärung der Verzierungen
Klangreihenmusik
Zur Einführung in die Klangreihenmusik

Klangreihenmusik: Musik mit neuer "Antriebskraft"
Elemente der Renaissance- und Barockmusik in der Klangreihenmusik

Klangreihenmusik (Gesamtüberblick)

Josef Matthias Hauer
Hauers Trope

Skriptumblätter zur Hauerschen Trope

Reihung der Tropenhälften
Zwölftonspiel - kreatives Spielen - Klangreihenkomposition


Othmar Steinbauer

Eigenschaften der Klangreihenmusik
Werkeinspielungen im Internet
Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 von Othmar Steinbauer:
Wiedergabe der Noten zum 1. Satz

einführende Worte zur 1. Violinsonate von Othmar Steinbauer


Notenverzeichnis


Verzeichnis der Skriptumblätter


Fachbegriffe (Stichwortverzeichnis)


Zwölftonreihe

"offene" und "geschlossene" Form einer Zwölftonreihe

Transpositionskette einer Zwölftonreihe

Genütztes und ungenütztes Formangebot

Permutation
, Rotationsprinzipien
große Abwandlung

kleine Abwandlung


Allgemeines zur Klangreihe
Komprimierte Klangreihe

in freier Harmonisierung erstellte Klangreihe

Skriptumblatt zum Beginn des "Dissonanzenquartetts" von W. A. Mozart

Das Komponieren mit Klangreihen

Reminiszenztöne

unechte Reminiszenztöne


Der akkordisch begleitete einstimmige Satz mit Reminiszentönen

Links
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